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Ankunft in Argentinien und eine verwirrende Identität

Schon in der Titelgeschichte wird das Hauptthema des Buches dekliniert: schamvoll gehütete Familiengeheimnisse lasten über Generationen auf den Schultern der Betroffenen. Es geht um Emigration und Fremde. In ersten Fall wird das Geheimnis einer vermeintlichen jüdischen Großfamilie, aufgedeckt: die Stammmutter war keine Jüdin, sondern russisch-orthodox. In einer anderen Erzählung sucht ein Sohn nach seinen Großeltern: von den USA verfolgt er die Spuren bis zum Tejo in Portugal, wo man bei einer Wasserleiche 16 argentinische Pässe gefunden hat. Wir treffen auf einen Verräter, der aus Angst vor seinen von ihm verratenen früheren Genossen alle drei Jahre sein Antlitz gesichtschirurgisch verändern lässt und höchst bösartig von sich sagt, dass er bei jeder Operation sein Gedächtnis ausgelöscht hätte.
Cozarinsky schreibt farbenprächtig und anschaulich, die Schauplätze erhalten eine authentisch wirkende Lebendigkeit – sicherlich eine Fähigkeit die aus seiner Erfahrung als Regisseur resultiert.
In diesen Erzählungen hat Reisen mit Romantik wenig zu tun. „Entsprechend unglücklich oder besser: verschroben, verbogen zerbeult zeigt sich Cozarinskys Personal…. C. versteht es, die große Geschichte mit der kleinen zu verschränken, das Persönliche ins Allgemeine laufen oder besser: stürzen zu lassen“ (NZZ).
Edgardo Cozarinsky wurde 1939 in Buenos Aires als Sohn russischer Emigranten geboren. 1974 verließ er wegen der dramatischen politischen Situation nach dem Tod Juan Peróns Argentinien und ging ins Exil nach Frankreich. Er lebt als Autor und Filmemacher in Paris und beschäftigt sich in seinem literarischen und filmischen Werk mit Borges, Cechov und Nabokov. Seine Bücher wurden bereits in viele europäische Sprachen übersetzt.
Die Braut aus Odessa,  Wagenbach, 2005. 17,50 Euro.
 
 

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